Isolde und mobiles Telefonieren

Es gab einen Tag im Herbst, an dem ich wie verrückt versuchte Isolde zu erreichen. Das ständige Besetztzeichen ließ mich hoffen, dass sie einen guten Tag hatte und viel mit ihren Freundinnen vom Skatabend oder ihren Kindern telefonierte.

Wir waren eigentlich verabredet und da es an diesem Tag nach langem Sturm und Regen endlich wieder Sonnenschein gab, arbeitete ich etwas im Garten und wartete bis sie sich gemeldet oder ihren Plausch beendet hatte.

Es begann schon zu dämmern, als ich einen ganz aufgeregten Anruf von ihr erhielt, wo ich denn geblieben sei und ob mein Telefon jetzt auch kaputt wäre. Sie schien an einer stark befahrenen Straße zu stehen und klang ganz außer Puste. Also entschloss ich mich, ihr einfach bescheid zu geben und setzte mich in meinen grünen Käfer um sie zu besuchen.

Als ich in das Industriegebiet einbog, indem ihr Haus lag, sah ich sie schon winkend mit ihrem Rollator an der Straße stehen. Neben ihr versuchte gerade ein LKW mit schrecklichem Piepen zu wenden, aber davon ließ sie sich nicht beirren. In ihrer Hand hielt sie ein Original 90er Jahre Klapphandy, mit dem sie wild in der Luft herum fuchtelte. Das Mobiltelefon war eine Investition der Jahrtausendwende ihres Ehemannes Udo, der auch heute noch fest daran glaubt, dass er es irgendwann schafft eine Textnachricht zu verschicken. Obwohl ich manchmal daran zweifele ob er überhaupt weiß, was das ist.

Sie wies mich mit den Händen an weiter zu fahren und zu parken, während sie sich im Rollatortempo aufmachte, mich an ihrem Zaun zu empfangen.

„Achgott Amelie, das ist ja so schwer dich zu erreichen!!!“ schrie sie über den Hof und war sichtlich außer puste, als sie endlich bei mir ankam.“Dass du dich auch nicht mal von selber meldest! Unsere Telefonleitung ist letzte Woche vom Sturm abgerissen worden, da hing das ganze Kabel über dem Hof und der Reimund hat gesagt, er braucht noch bis morgen bis er jemanden erreicht, der das repariert.“

Reimund war Isoldes Mädchen für alles. Als Mann mittleren Alters, und natürlich im ganzen Dorf bekannt, konnte er mit einem Computer und dem Internet umgehen und kam so über wundersame Weise an gebrauchte Autos oder an die heiß ersehnte Nummer eines Telefontechnikers.

Wir waren noch nicht ganz am Haus angekommen, da steckte sie sich eine Zigarette an und begann von ihrem Abenteuer mit der Telefonleitung zu erzählen.

„Als ich gesehen habe, wie das Kabel da auf dem Boden hing, hab ich versucht dich zu erreichen. Aber bei dir war die ganze Zeit besetzt. Kinder, das ist doch teuer so viel zu telefonieren!“

Ich war etwas erstaunt darüber, dass sie wusste, dass ihr Telefonkabel abgerissen war, und trotzdem versuchte mit ihrem Festnetztelefon zu telefonieren.

„Der Heinrich von nebenan hat mir dann gesagt, dass man die Techniker nicht von einem normalen Telefon aus anrufen kann, sondern nur von einem Handy aus. Also habe ich mal das Telefon von meinem Udo aus der Schublade geholt und bin zur Straße gegangen, weil der Udo gesagt hat, dass das im Haus nicht funktioniert.“

Das mit dem Empfang bei Isolde ist tatsächlich ziemlich grässlich. Wenn ich von ihr aus eine SMS verschicken möchte, funktioniert das nur in dieser einen verkrampfte Position am Fenster, an mobiles Telefonieren ist hier nicht zu denken.

Da ich Isolde mal wieder nicht ganz folgen konnte und sie ein paar Dinge durcheinander brachte, entschloss ich mich mit Ja oder Nein Fragen etwas Ordnung in die Geschichte zu bringen: “ Oma, hast du denn jetzt eine Nummer von dem Techniker?“

Sie wedelte mit einem handschriftlichen Zettel auf dem in ihrer schönen, alten Schreibschrift eine typische Servicenummer notiert war.

“ Ich habe versucht, von unserem Telefon da an zu rufen, aber da ist immer besetzt. Und von dem Handy ist das immer so teuer. Der Udo hat gesagt, das kostet immer zwei Euro in der Minute, und er ist jetzt an die Tankstelle eine neue Karte zum Aufladen kaufen gefahren.“

Hat mobiles Telefonieren seit der Einführung des Euros jemals so viel Geld gekostet?

Ich versuchte ganz angestrengt nicht zu lachen, und es gelang mir fast. Ich hielt es so lange durch bis ich mich darauf konzentrieren musste, nicht wieder meine Besserwisserstimme raushängen zu lassen. Ich drehte mich kurz um, um mein Lachen zu verbergen und schlug ihr dann vor für sie von meinem Handy aus bei dem Techniker anzurufen. Sie stimmte zu und machte sich auf dem Weg in ihr Schlafzimmer. Ich ahnte böses.

In meiner Mobil-Telefonieren-Position über Isoldes Spüle kniend wählte ich die Servicenummer, die sie notiert hatte. Nach zehn Minuten Warteschleife und einem nur wenige Sekunden andauernden Telefonat bedankten sich meine Knie bei mir mit lautem Krachen und eingeschlafenen Füßen.

„Der Mann kommt morgen früh sofort zu dir Oma, und ich komme dann auch noch vor meiner Vorlesung vorbei und erkläre ihm dann alles. “

„Oh Amelie, bin ich froh, dass das wieder gemacht ist. Ich habe auf die Uhr geguckt, das waren mindestens zehn Minuten!“

In ihrer Hand hatte sie einen zwanzig Euro Schein gefaltet und wollte ihn mir in die Hosentasche stecken. Ich erging mich mit ihr in einer Diskussion über Flatrates und Verbindungsgebühren bis meine eingeschlafenen Füße so viel kitzelten und stachen, dass nur einige Sekunden Ablenkung genügten, bis sie den Schein in meine Hose gesteckt hatte.Sie beendete das Hin und Her mit einem bösen Blick der mir sagte: Wenn ich jetzt noch ein bisschen diskutieren würde, wäre sie stinkig. Also entschied ich mich dazu, sie zu umarmen und brav danke zu sagen wie sie es mich gelehrt hatte.

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